Hansa Teutonica

Mein Euro der unbegrenzten Möglichkeiten

Hansa Teutonica Cover

In Hansa Teutonica von Andreas Steding aus dem Jahre 2009 schließen sich 2-5 Spieler dem Bund der deutschen Hanse an, möchten sich in Deutschlands unterschiedlichsten Niederlassungen einquartieren und der erfolgreichste Kaufmann des Landes werden. Wie das? Indem man sich auf dem auf dem ersten Blick sehr schlichten, traditionellen Spielplan mit seinen Kaufmännern geschickt ausbreitet und am Ende die meisten Prestigepunkte erlangt hat. Wie es sich für ein klassiches Eurogame gehört, werden die Händler nicht in Form von Miniaturen oder eigens kreierten Meeples dargestellt. Nein! Ein gutes Eurogame braucht nur eins: Holzwürfel! Um normale von großen Händlersteinen zu unterscheiden, hat jeder neben vielen eckigen, noch einige runde zur Verfügung.

In erster Linie ist Hansa Teutonica ein Routenbauspiel, wie etwa das gute alte Zug um Zug. Die Händlersteine unserer Farbe können wir in unserem Zug auf leere Handelsposten legen, um in einer späteren Aktion eine komplette Handelsroute, die zwei Städte miteinander unterbrochen mit unseren Steinen verbindet, abzuschließen und zu werten. Dann jedoch nehmen wir unsere Händlersteine anders als in Zug um Zug wieder vom Spielbrett zurück in den Vorrat! Welche exakten Aktionen hat jeder Spieler zu Beginn, um mit der Zeit Handelsrouten werten zu können? Zu Beginn hat jeder grundsätzlich zwei Aktionen, von denen er aus fünf verschiedenen Aktionen auswählen kann. Hierfür kann nach Belieben auch mehrere Male dieselbe Aktion genutzt werden.

  1. Einen neuen eigenen Händlerstein auf einen leeren Handelsposten einer beliebigen Route positionieren.
  2. Zwei eigene bereits positionierte Händlersteine vom Spielbrett entfernen und auf neue freie Posten umsetzen.
  3. Sich drei neue Händlersteine aus der Kasse (dem allgemeinen Vorrat) in seinen persönlichen Vorrat holen. Denn nur aus dem persönlichen Vorrat kann ich die 1. Aktionsmöglichkeit ausführen.
  4. Fremde Händlersteine aus einer Route verdrängen, indem man dafür einen zusätzlichen Stein in die Kasse zahlt. Destruktiv spielen ist also etwas teurer! Doch Achtung: So böse ist die Aktion gar nicht. Der so eben vertriebene Händler darf seinen Stein auf benachbarte Routenverbindungen legen und sogar zusätzlich einen weiteren (vielleicht sogar zwei, wenn der große Händlerstein vertrieben wurde) aus der Kasse nehmen und die Pläne des Gegners mal so richtig durchkreuzen.
  5. Erst nachdem eine Route (Routen gehen von zwei – vier Posten) komplett aus Händlersteinen meiner Farbe besteht, kann ich diese in einer Extra-Aktion werten und komplett von der Route entfernen und zurück in die Kasse legen.

Die fünfte Aktion ist diejenige, warum das Spiel nicht nur ein gewöhnliches Route Building, sondern auch ein Engine Building Spiel ist. Da hatte mich das Spiel gepackt. Ich wusste: Ich muss es haben und seeeehr oft spielen!

Durch das abschließende Werten einer Route kann ich einen der genutzten Händlersteine zu einem Gebäude umfunktionieren und mich in einer der beiden angrenzenden Städte auf noch freien Plätzen niederlassen. Grundsätzlich will ich im Spiel in den Städten zwischen einer Route Niederlassungen bauen, um in gewissen Städten aus Mehrheitsgründen das Sagen zu haben. Denn wird in Zukunft wieder eine Route gewertet, die an eine Stadt grenzt, die ich kontrolliere, so gibt das sofort einen Siegpunkt. Manche Routen auf der Karte sind aber so speziell, dass du nicht unbedingt auf neue Niederlassungen und Stadtkontrollen scharf bist, sondern an deiner Engine weiterbauen möchtest. Ein persönlicher so genannter Schreibtisch, den jeder Spieler zu Beginn zur Verfügung hat, zeigt dies sehr schön. Bonusrouten, die an gewissen prestigeträchtigen gelbmarkierten Städten angrenzen, sorgen dafür, dass du dich nach Aktion Nr.5 – der Wertung deiner persönlichen Route – entscheiden kannst, ob du auf den Bau einer neuen Niederlassung verzichtest, dafür aber eine besondere Fähigkeit weiterentwickelst. Du kannst in Zukunft, wenn du magst und die richtige Route auf dem Plan gewählt hast, deine Aktionszahl z.B. auf 3, 4 oder gar 5 aufstocken. So kannst du also aus den Aktionen 1-5 noch mehr machen und noch effizienter agieren. Du kannst dank anderer Fähigkeiten noch mehr Händlersteine aus der allgemeinen Kasse holen, noch mehr Steine um das ganze Land herumbewegen oder gar prestigeträchtigere Niederlassungen in Städten bauen, um die Mehrheitsverhältnisse in Hamburg & Co. durcheinander zu bringen.

Ihr seht: Entscheidungen und Möglichkeiten ohne Ende, so manche Siegpunkte während der Partie, viele weitere Siegpunkte am Ende der Partie. Viele, unzählige Wege, das Spiel erfolgreich zu gestalten. Es gibt eigentlich nie den perfekten Zug, denn jeder Zug ist gut. Das, was mein Gegner bereits kann, will ich auch. Sätze wie diese hört man oft, wenn das Spiel gut ist. Hansa Teutonica ist ein sehr gutes!

Eine schriftliche Review allein reicht nicht aus, sich in das Spiel zu verlieben. Der Blick auf das nüchterne Cover und Spielbrett sicher auch nicht. Man muss das Spiel spielen, damit es einen sofort in den Bann zieht. Die vielen Mechanismen hauen einem um, so dass man sich einmal mehr fragt: Von wann und von wem ist dieses Spiel? Warum es heute Spiele wie Russian Railroads, Great Western Trail oder auch Yokohama gibt, haben wir teilweise den Ideen dieses Strategiebrechers zu verdanken! Kein Witz! Andersherum werdet ihr also auch Hansa Teutonica lieben lernen, wenn ihr die genannten Spiele gerne zockt. Vielspieler und Euroliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Die vielen Möglichkeiten des Spiels kann wie gesagt kein Text der Welt in Worte fassen. Neben all den Fähigkeiten, bekommen manche Routen sogar noch eine Extrabelohnung in Form eines Bonusmarkers, der einmalige Sondereffekte während seines Zugs erlaubt. Diese sind sehr mächtig und sollte man nicht vernachlässigen! Die Jagd nach der Mehrheit dieser Boni wird spannend sein und möge beginnen! Hansa Teutonica ist der Inbegriff eines Strategiespiels, das es versteht, ohne Würfel, ja sogar ohne Karten ganz auf eine Glückskomponente zu verzichten. Es kommt sogar mit einem zweiseitigen Spielbrett für entweder 2-3 oder 4-5 Spielern daher.

Der einzige Haken aber: Ich spiele es nie mehr zu zweit. Zu zweit, ihr habt es geahnt, spielt ein dritter Dummyplayer mit, der verständlicherweise gewisse Routen blockieren muss. Nur finde ich es sehr mühsam, dessen Holzwürfel mit hin und herzuschieben, ihn auch gewisse Punkte für Stadtwertungen zu geben, sprich ihn mit zu kontrollieren. In Hansa Teutonica will ich auf mich selbst aufpassen, mich selbst entwickeln und auf meine realen Gegner achten. Ob zu dritt, viert oder fünft: In diesen Spielerzahlen ist es perfekt. Und obendrein schneller zu Ende als gedacht: Entweder in bereits 10 Städten sind alle Niederlassungen gebaut, es kann kein neuer Bonusmarker mehr aus dem Vorrat nachgezogen werden oder jemand hat schon während des Spiels 20 Punkte erreicht. Schon dann kann die spannende Endwertung um die letzten Prestigepunkte beginnen: Wer hat welche Fähigkeit bis zum Maximum freischalten können? Wer hat in welcher Stadt die Majorität? Wer hat sich sonstige Sonderpunkte ergattert? Fragen, die das Spiel nochmal drehen können! Das Spiel endet häufig schneller als gedacht, was ich ihm hoch anrechne. In meinen Spielgruppen ist oft schon nach 90 Minuten das Spiel zu Ende! Dafür, dass man viel zum Spiel schreiben kann, ich das Spiel gerne lang und breit neuen Leuten erkläre, sind immer alle erstaunt, wie schnell ein Sieger ermittelt werden konnte. Aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel: So lässt sich sicher gerne direkt eine zweite Partie hinterher spielen, um sein Handelsnetzwerk noch einmal zu optimieren und diesmal alles anders, alles besser zu machen … oder auch nicht.

Spielt auch ihr Hansa Teutonica und lasst mich wissen, was euch am besten gefallen hat und, wie ihr die Spielidee findet.

Autor: Andreas Steding
Illustration: Dennis Lohausen
Verlag: Argentum Verlag
Spieler: 2 – 5
Dauer: 45 – 90 Minuten
Alter: ab 12 Jahren
Jahr: 2009

 

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Hansa Teutonica
  • Marcos Wertung: - 8.7/10
    8.7/10
8.7/10

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Marco
Über Marco 4 Artikel

Marco, Ü30, in einem früheren Leben mal Theaterpädagoge, Hobbyschauspieler und Pokerturnierveranstalter, ist heute Lehrer und Nachhilfelehrer für die Fächer Latein, Spanisch und Französisch. Überwog früher noch die Leidenschaft Film & Theater, hat er sich seit über einem Jahr an etwas Geselligerem erfreuen können: den Brettspielen! Als Jugendlicher hat es natürlich mit Klassikern wie Monopoly, Risiko und Spiel des Wissens angefangen. Heute ist er ein selbsterklärter Eurospieler, der aber hin und wieder auch Konfrontation in Spielen mag und auch vor Karten-, Würfel- und Partyspielen nicht wegläuft. Ganz im Gegenteil!

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6 Kommentare zu Hansa Teutonica

    • Hallo Heinz, vielen Dank für die Blumen! Eine Rezi wie diese beweist, es ist immer noch eines meiner Lieblinge. 🙂

  1. prima geschrieben, leider ist das spiel bei mir noch auf dem „pile of shame stapel“ nach deinem review muß das spiel umso mehr mal auf den Tisch.

    • Danke dir, Hans! Ich kann dich gut nachvollziehen! Gerade ein Spiel, das erst ab 3 Leuten taugt, verweilt ab und zu einfach zu lange auf der Pile of Shame! Ich freue mich, wenn du das bald ändern kannst. 😉

  2. Schönes Review zu Hansa Teutonika. Das Spiel ist gänzlich an mir vorbei gegangen. Da werde ich auf jeden Fall mal einen zweiten Blick darauf werfen.
    Klasse, dass Du hier an Bord bist.
    Danke!

    • Vielen Dank, Mirko! Es ist mir eine Freude! Bin sehr gespannt auf deine ersten Eindrücke nach der Erst- oder Zweitpartie. Ich spucke ja mit meiner Review große Töne und vergebe zugegebenermaßen ziemlich viele Punkte. Aber die hat es wohl, gerade weil es nicht jeder kennt, einfach verdient.

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