20. September 2017

Citrus

Ernten oder Pflanzen ... das ist hier die Frage!

DLP Games wird zurzeit völlig zu Recht gelobt und geschätzt für Schätze wie Orléans oder Yokohama. Doch ist sich der Verlag auch für gehobene Familienspiele, die auch Kenner gefallen könnte, nicht zu schade. Mit Jeffrey D. Allers‘ Citrus aus dem Jahre 2013 soll hier ein solcher Vertreter in Form eines Legespiels vorgestellt werden.

In Citrus übernehmen 2-5 Spieler die Rollen von Bauern, die Citrusfrüchte wie Limetten oder Blutorangen pflanzen wollen. Je größer ihre Plantagen werden, desto ertragreicher deren Ernte und ihr Prestige an den jeweilig angrenzenden Fincas. Seine Plantagen zu managen, dabei im Laufe des Wettbewerbs clever mit seinem Geld umzugehen, ist die Crux des Spiels. Möge der beste Landwirt gewinnen!

Frei nach Shakespeare stellt sich für die Spieler, wenn sie an der Reihe sind, stets dieselbe Frage: Pflanzen oder Ernten? Das erstaunliche: Zwar ist die Entscheidung jedes Mal nur ein Entweder-Oder, aber aufgrund der stetig sich verändernden, neuen Situation auf dem Spielbrett eine äußerst verzwickte.

Wenn die Spieler ernten wollen (Entscheidung A), müssen sie im ersten Schritt auf dem Markt der Citrusfrüchte 1-4 Plättchen für je 1 Geld in einer der Reihen komplett kaufen und im Anschluss auf den Spielplan legen. Folgende Regeln sind dringend einzuhalten: Alles, was ich gekauft habe, muss angelegt werden. Alles, was ich lege, muss entweder an einer freien orthogonalen Stelle einer bereits ansässigen Finca eine neue Plantage dieser Art beginnen. Andernfalls kann ich bereits von mir bereits angepflanzte Citrusfrüchte mit dem Erwerb neuer Plättchen dieser Farben und Sorte weiteranlegen, meine Plantage dementsprechend auf dem Plan immer mehr ausbreiten. 5 Worker der eigenen Spielfarbe dienen dazu, das Eigentum einer jeweiligen Plantage zu markieren. Die begehrtesten Plätze sind die acht Felder, die jeweils ein Fincagebäudeplättchen umgeben. Ist im Laufe des Spiels eine Finca komplett mit Citrusplättchen bedeckt, findet eine Wertung statt. Die besten beiden Bauern bekommen die jeweiligen aufgedruckten Punkte sofort auf der Kramerleiste gutgeschrieben. Einer der wichtigen Momente, Siegpunkte zu generieren. Klassisches Area Control um Zitronen? Es muss nicht immer der Krieg um Europa mit Holzwürfeln sein!

Gut und wichtig, dass die Spieler sich ab und zu, und nicht selten, für die zweite Aktion entscheiden, weil sie an neues Geld für weitere Plättchen kommen müssen. Mit der Entscheidung der Ernte (Entscheidung B) kommt die interessante ökonomische Sphäre des Legespiels zum Tragen. Eine beliebige Anzahl an Bauernmeeplen, die bereits die eigenen Plantagenreihen markieren, können zurück in sein eigenes Tableau abgerufen werden. Vorteil: Je mehr Bauern ich in mein Tableau zurückhole, je mehr neues Einkommen generiere ich. Dafür schiebt man seinen Ringmarker umso weiter  nach rechts und ist vielleicht der reichste Bauer der Stadt. Außerdem darf der Spieler jedes Citrusfeld, was jetzt seinen Bauern verloren hat, gewertet. Jedes Plättchen zählt 1 Siegpunkt, jedes Sonderplättchen mit Brunnen sogar 2 Punkte. Nachteil: Verlässt ein Bauernmeeple erstmal eine bereits gebaute Plantage, ist dieses Citrusfeld ohne Eigentümer mehr und damit neutral. Neutrale Plättchen können nur sehr schwer zurückgewonnen werden. Ferner kann das erhebliche Konsequenzen für die oben erwähnten Fincawertungen bedeuten. Denn vielleicht geht man von jetzt auf gleich bei allen Fincawertungen der Zukunft leer aus. Selten waren Erntephasen so ernst und bitter. Freunde von Rosenberg können da aber ein Lied von singen. Citrusautor Jeffrey D. Allers hat da genauso wenig Mitleid.

Ist das letzte Plättchen auf dem Citrusmarkt, der stets nachgefüllt wird, wenn nur noch drei Plättchen verfügbar sind – auch ein sehr cleverer Mechanismus – ist das Spiel zu Ende. Nach einer abschließenden Wertung der letzten Fincas, weiter errungener Sonderpunkte, wird der Sieger ermittelt und König der Zitronen.

Citrus kann und möchte ich nur empfehlen und ist ein Spiel für zwischendurch ganz nach meinem Geschmack. Es hat einen tollen äußeren Look und verspricht nicht zu viel, wenn man das Spiel erst mal auspackt und losspielt. Was das Bauen und Erweitern der Plantagen angeht, erinnert es mich sehr an Knizias Durch die Wüste, in dem man Karawanen von Kamelen gegründet hat. Nur hat Citrus mehr Mechanismen, Auktionen, auf dem Spielplan noch so manche Sonderplättchen, die Spezialfähigkeiten erlauben und das Besondere: den ökonomischen Grundgedanken. Gepaart mit dem besonderen Worker Management, wann ich meine Meeple rausnehme oder wieder eingliedere, ist das Spiel, wenn auch sehr abstrakt, absolut interessant für jeden Gamer. Man entscheidet sich wahrhaftig immer nur zwischen zwei Aktionen. Aber die Entscheidung ist tiefer als man denkt. Pflanzen oder Ernten? Siegpunkte jetzt oder später vielleicht mehr? Du entscheidest, wann was gewertet werden soll! Außerdem bietet die Packung Varianz ohne Ende. Die Spielvorbereitung bietet Möglichkeiten ohne Ende. Das Spiel mit weniger Spielern ermöglicht, das kleinere Spielbrett auf der Rückseite zu wählen. So kommt man sich also auch auf einem kleineren Citrusfeld schneller in die Quere. Das ist auch gut so! Citrus ist nicht weniger, aber auch nicht mehr als ein familienfreundliches Spiel mit der richtigen Prise Niveau für einen entspannten Spieleabend. Wunderbar in allen Besetzungen, in einer kleinen Runde schon nach 60 Minuten, in einer größeren in etwa 90 Minuten durchgespielt. Abstrakt, aber dennoch mit Herz und Hirn: Citrus!

Erscheinungsjahr: 2013
Verlag: dlp games
Autor: Jeffrey D. Allers
Illustratoren: Klemens Franz
Spieleranzahl: 2 bis 5
Alter: ab 10 Jahren
Spieldauer: ca. 50 Min.

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Citrus
  • Marcos Wertung: - 8.3/10
    8.3/10
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Marco
Über Marco 3 Artikel
Marco, Ü30, in einem früheren Leben mal Theaterpädagoge, Hobbyschauspieler und Pokerturnierveranstalter, ist heute Lehrer und Nachhilfelehrer für die Fächer Latein, Spanisch und Französisch. Überwog früher noch die Leidenschaft Film & Theater, hat er sich seit über einem Jahr an etwas Geselligerem erfreuen können: den Brettspielen! Als Jugendlicher hat es natürlich mit Klassikern wie Monopoly, Risiko und Spiel des Wissens angefangen. Heute ist er ein selbsterklärter Eurospieler, der aber hin und wieder auch Konfrontation in Spielen mag und auch vor Karten-, Würfel- und Partyspielen nicht wegläuft. Ganz im Gegenteil!
Kontakt: Facebook

2 Kommentare zu Citrus

  1. Hallo Marco, sehr schöne Rezis über alte Spiele! Finde ich toll! Animiert mich wieder die alten Perlen heraus zu fischen und wieder mal auf den Tisch zu bringen.
    Danke, LG Heinz

    • Hallo Heinz! Damit wäre mein Job ja erledigt, prima! Ich stimme dir zu, dass es lohnt, über alte Perlen immer mal wieder zu sprechen. Das ganze Gebacke neuer Spieler über KS tut manch guten, alten Spielen einfach nicht gut! Hier auf VPS hab ich eine Antwort darauf. 🙂

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